Entstehungsgeschichte

Die Entstehungsgeschichte des Filmes

Der Film hat seinen Anfang im Jahr 2009. Schon länger geisterte der Begriff „Gentrifizierung“ durch die Medienlandschaft, hatte aber etwas Unscharfes und Abstraktes. Dieser sperrige Begriff bedurfte erst einmal seiner Entkleidung. Das Konzept des Films war, dies entlang seiner Auswirkungen für den Einzelnen überprüfbar zu machen ohne moralisch oder resigniert daher zu kommen. Das war die wohl größte Herausforderung für den Film – in eine soziale Tiefe zu gehen, die anrührt, direkt und ehrlich.

Eine bunte Mischung aus Berliner Filmschaffenden und AktivistInnen begeisterte sich für die Idee einen Film zum Thema „Mieterhöhung und Verdrängung“ zu machen und tat sich zusammen. Über die Jahre wuchs das Filmprojekt personell an. Da dabei jeder Mensch von großer Bedeutung war und für das Gelingen des Films einen wichtigen Beitrag leistete, entschlossen wir uns auf namentliche Heraushebungen zu verzichten und als Filmkollektiv „Schwarzer Hahn“ den Film in die Öffentlichkeit zu bringen.

Ein Berliner Kiez unweit einiger FilmmacherInnen bot sich förmlich an. Ihn machten wir zum Gegenstand einer exemplarischen, filmischen Untersuchung. Eingekeilt zwischen Kreuzberg und Neukölln, im ehemaligen Ostteil der Stadt am Mauerstreifen, dort hatte sich, wie in vielen Stadtteilen, eine kleine Initiative etabliert. Deren Aktivitäten brachten vielfältige Widersprüche hervor, dass bot die Chance zur einer lang angelegten filmischen Dokumentation. Anfänglich wollten wir die unterschiedlichen Ereignisse nur in kleinen Episodenbeiträgen und Reportagen dokumentieren. Heraus kam dabei beispielsweise eine Kurzdokumentation von Mieterprotesten bei der Wohnungsgesellschaft „Stadt & Land“. Doch schon bald wuchsen die Ansprüche an dem Film. Interviews wurden nun auf einen Dokumentarfilm hin geführt.

Architekten, Politiker und Menschen, die der Verengung des Mietmarktes durch den Kauf oder Bau von Eigentumswohnungen auszuweichen suchten, kommen ebenso zu Wort wie wütende AnwohnerInnen und AktivistInnen – sie alle bekommen in dem Film eine Stimme und ein Gesicht. Dadurch konnte der Film ein vielschichtiges Bild einer Stadt im Wandel zeichnen, zumal es noch mit Filmmaterial aus den Archiven der AktivistInnen ergänzt werden konnte. Das bis dato abstrakte Schlagwort „Gentrifizierung“ wird in dem Film zum Greifen nah.

Der Dokumentarfilm war von Beginn an konzeptionell breit angelegt – es ging uns um eine breite, offene, respekt- und würdevolle Darstellung und Wiedergabe der Positionen und Lebensrealitäten aller Betroffenen. Auf der Suche nach einem Titel erschien „Verdrängung hat viele Gesichter“ am geeignetsten, da er vielschichtig gelesen werden kann. Wenn der Film auch als kritisches Statement zu lesen ist, so lädt er trotzdem zur offenen Auseinandersetzung in alle Richtungen ein. Nicht zuletzt wurde dies durch die Offenherzigkeit und Ehrlichkeit aller Menschen möglich, die sich zu Interviews bereit erklärt haben und denen wir unterschiedslos dafür danken.

Die Bewältigung von 55 Stunden sehr dichtem Filmmaterials hat uns bisweilen verzweifeln lassen. Auch das disparate Filmmaterial und die unterschiedliche Qualität waren nur schwer zu bändigen gewesen, waren doch unterschiedlichste Filmteams mit unterschiedlichen Kameras unterwegs gewesen. Bei den Entscheidungen im Schnitt musste immer wieder abgewogen werden zwischen inhaltlich wichtigen Szenen für den Film und unzumutbarem Ton- oder Bildmaterial. Wir haben uns bei den Archivaufnahmen der AktivistInnen bewusst dafür entschieden nicht jeden Bildfehler rauszuschmeißen, wenn er die Dramaturgie nicht störte. Die Entscheidung war richtig – denn dadurch bekommt der Film einen eigenen Charme, zumal eine investigative und offensive Kameraführung fehlerfrei nicht zu haben war.

Die Interviews mit den unterschiedlichen Betroffenen waren in ihrer Persönlichkeit ausdrucksstark genug und brauchten keinerlei zusätzlicher Kommentierungen. Auf die nervtötende Wiedergabe einiger „Expertenmeinungen“ konnten wir verzichten. Auch auf eine größere Menge von AktivistInnenmaterial zu ihren Kämpfen mussten wir verzichten, aber danken auch hier für die vorbehaltlose Nutzung des Materials.

Den Film zu konzeptionieren und abzudrehen hat genauso viel Zeit gebraucht wie ihn letztlich im Schnitt zu einem wertvollen Dokument von sozialer Tiefe entstehen zu lassen, die anrührt. Um dahin zu kommen, mussten wir die soziale Qualität aber in mühevoller Arbeit erkennen und freilegen. Fast wäre das „Material“ verstaubt, und wir mussten uns einen ernsthaften Ruck geben, den Film auch im Respekt mit und für einige ProtagonistInnen fertigzustellen. Trotz vieler weiterer Rückschläge und einer schöpferischen Pause hat sich diese unglaubliche Arbeit gelohnt. Wir betrachten den Film als ein sehr wertvolles Dokument zur laufenden Auseinandersetzung. Er ist aus unserer Sicht sehr ehrlich geworden und geht an einige Schmerzgrenzen. Je nach Zugang der ZuschauerInnen eröffnen sich viele Fragen. Einige werden vielleicht sein wie diese: Wie wollen wir eigentlich in dieser Stadt zusammen leben? Und wie kann das solidarisch gehen, wenn einige sich nur noch mit Mühe und Not in ihrem Lebensumfeld halten können? Dürfen uns wirklich die wahren Ursachen von Armut und Ausgrenzung egal sein, die in den Eigentumsverhältnissen wurzeln? Und was ist eigentlich mit einer ehemals mehr oder weniger alternativen Linken bis hin zu ehemaligen HausbesetzterInnen geschehen, wenn sie jetzt als neue Mittelschicht auf Eigentum setzt? Ist das der Preis den eine Bewegung „bezahlt“, wenn es ihr nicht gelungen ist wirklich alternative und solidarische Lebensweisen zu etablieren? In welcher Stadt, in welchem Land wollen wir eigentlich leben? Es geht um unser aller Leben!

Filmkollektiv „Schwarzer Hahn“